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Was ist Fleiß?
Was ist Fleiß? Was gehört dazu? Gründlichkeit. Alles muss stimmen, jede Voraussetzung, jede Schlussfolgerung. Im Zweifelsfall muss man sie nachprüfen, und nicht nur einmal. Zur Gründlichkeit gehört auch die Fähigkeit, die Bereitschaft, alles mehrere Male zu prüfen und jede Ecke und Kante abzuschleifen und zu polieren. Zum Fleiß gehört die Fähigkeit, etwas zu Ende zu führen, weil es so sein muss, ohne jede Euphorie, allein aus sachlichen Gründen. Zum Fleiß gehört der Wunsch nach Vollständigkeit, nach Vollkommenheit. Die hat nun freilich bei jedem Objekt ihre eigenen Maßstäbe. Das Erfolgsstreben sollte hinter der Bereitschaft zum Dienst zurücktreten. Zum Fleiß gehört auch kluge Ökonomie. Es hat keinen Sinn, sich bis zur Kraftlosigkeit zu verausgaben. Zum Fleiß gehört die kleine Pause. Doch wehe, wenn die Maßstäbe vertauscht werden! Wenn die Arbeit eine angenehme Abwechslung zwischen der Pausenlangeweile wird. Zum Fleiß gehört das Nein zur Bequemlichkeit, aber auch der Kampf gegen das Nein, das sich gegen bessere Einsicht sperrt. Zum Fleiß gehört ein systematisches Lernen. Von allem, was wir lesen, sollten wir uns ein Gerüst einprägen, weil sonst alles so schnell zerflattert und somit nicht tief ins Bewusstsein eindringt. Und es kommt ja nicht auf oberflächliche Information an, die zu einer Gefahr für ein vertieftes Leben werden könnte. Wichtig sind die Bildung des Bewusstseins und die Bereicherung des eigenen Erfahrungsschatzes. Jede gelesene Buchseite sollte eine Spur im Assoziationsschatz zurücklassen. Zum Fleiß gehört neben der Fähigkeit zur Kritik auch die zur Selbstkritik, die ja allzu oft von der Bequemlichkeit und Eigenliebe auf ein „erträgliches" Maß herabgemindert wird, die schnell assimiliert und ihres reinigenden Kerns entkleidet wird. Zerstörung und Vernichtung gehören auch zur Kreativität. Ab und an muss ein Stückchen vom Klotz an unserem Bein abgesägt werden. Am besten helfen Humor, Entschärfung, Ablenkung und Distanz, vielleicht mehr als endlose Aussprachen, ständige Diskussionen oder analysieren. Vergessen, vergessen... Vergessen ist etwas anderes als Verdrängen.
Aus Renate Krüger: Notizen über Lesen und Schreiben. In Vorbereitung als Ebook-Publikation
Warum Gertrud von le Fort?
Die Literatur von Gertrud von le Fort hat es in der Gegenwart nicht eben leicht. Die Reaktionen auf ihr Werk reichen von herablassendem Belächeln über aggressive Gegenpositionen und unreflektierte Akzeptanz bis zum redlichen Interpretationsbemühen. Die zwar begrenzte aber doch latente Präsenz auf der Literaturbühne wird gelegentlich als konfessioneller Wettbewerbsvorteil denunziert und die Dichterin selbst mit den Attributen katholisch, metaphysisch und transzendent bedacht und somit eine Hürde errichtet oder ein exklusives Wir-Gefühl angeboten.
Diese Einschätzung jedoch hat die Grenze ihres Geltungsbezirkes erreicht und will überschritten werden, um neue Aspekte zu erschließen und den Anschluss an die Gesellschaft der Gegenwart und ihre Bedürfnisse zu ermöglichen. Spätestens an dieser Stelle aber erhebt sich die Frage, ob das Werk der Gertrud von le Fort wirklich und wesentlich zu den Bedürfnissen der Gegenwart gehört oder ob hier Rückwärtsgewandte oder Vergangenheitssüchtige ihre Maßstäbe mit Nachdruck tradieren wollen und sich als Lehrmeister für die nächste Generation aufdrängen. Diese Frage wird sich daran entscheiden, welche Beziehung der moderne Leser zu den le Fort-Texten findet, ob Voraussetzungen geschaffen werden können, diese Texte überhaupt zugänglich zu machen und ob eine unaufdringliche, behutsame literaturpädagogische Begleitung entwickelt werden kann. weiter
veröffentlicht am 25.Januar 2012
Tanz in der Schlinge

Die Schweriner Kunsthistorikerin, Schriftstellerin und Publizistin Renate Krüger (geb. 1934) erinnert sich an ihre Kindheit, Jugend und erste Berufstätigkeit. Krieg und Nachkrieg bestimmten den Alltag. Und dann kam „real exisitierende Sozialismus“ in der DDR mit seinen neuen und doch sattsam bekannten Mustern. Erlebte Zeitgeschichte in der nordöstlichen Randsituation… Der alltägliche Totalitarismus…
Wer in zwei Diktaturen aufwuchs und erwachsen wurde, dem kann das Leben schon wie ein Tanz in der Schlinge vorkommen. Dass dies dennoch ein Tanz voller Schwung wurde, zu dem Mut, Witz und nicht zuletzt auch viel Vertrauen zu Gott und den Menschen gehörten – das vermittelt dieses sehr persönliche Buch anschaulich und lebendig. Es geht nicht um Empörung und Anlage, sondern um die Vermittlung eines Lebensgefühls, um prägende Kräfte und wachsende Entscheidungsfähigkeit, um die vielen kleinen Begebenheiten, die so viel aussagen können und so schnell in Vergessenheit geraten.
Ursula Ringer, Berlin
Renate Krüger TANZ IN DER SCHLINGE. Ein autobiographischer Rückblick KLECKS VERLAG 2011 ISBN 978-3-942884-12-9 Neubearbeitung und Erweiterung des 1997 im Ansgar-Verlag Hamburg erschienenen gleichnamigen Titels
zum Büchertisch
veröffentlicht 22.Januar 2012
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